Sonntag, August 06, 2006

Jürgens Munster

Nun tauchte er bereits zweimal in den BotB-Blogs auf (erstens und zweitens), aber wer ist das überhaupt: Jürgen Elsässer?

Elsässer selber bezeichnet sich als frankophil (bei dem Namen eine Spur zu cliché), was ihn nun wirklich nicht zum Sympathen macht. Ist aber sein Privatkram, wenn sein Kommieherz für Wein mit Brie schlägt (er sich aber kein Portemonnaie aus Walvorhautleder leisten kann wie Onkel Gremliza).

Sein publizistischer Werdegang führte ihn von der neuerdings unvermeidlichen jungen Welt über die Mitgründung der Jungle World über konkret (mit Ausflügen beispielsweise zur Jüdischen Allgemeinen) zurück zur jungen Welt.

Die Jungle World wurde seinerzeit gegründet, da der damalige Geschäftsführer der jW, Dietmar Koschmieder, den jW-Chefredakteur Klaus Behnken beurlaubte, um selbst den Posten des Chefredakteurs zu übernehmen - fast die gesamte Redaktion trat daraufhin in Streik (da Koschmieders Anliegen nach ihrer Auffassung ein Abdriften der jW in Richtung DKP war), und begann, eine eigene Zeitung zu veröffentlichen. Eben: die Jungle World.

Doch das, so Elsässer 2002, war ein Fehler, denn: "Die junge Welt bekommt ihre Möllemänner nicht in den Griff, und die Jungle World Bush's Little Helpers nicht."
Jürgen Elsässer-Möllemann - wär hätte damals geahnt, daß er sich selber meinte? Lustig, und eine Randnotiz des Trauerspiels, daß Elsässer diesen Auskotzartikel in der Jungle World publizieren läßt, nachdem er von dieser herauskomplimentiert wurde, aber bereits bei der konkret eine neue Heimstatt gefunden hatte. Aber keine Sorge, Elsässer ist nicht nachtragend: "Aber keine Sorge, ich bin nicht nachtragend [...]." Gerade noch mal Glück gehabt.
Seine Hauptkritik faßt er schließmuskelnd zusammen: "Demgegenüber wäre nichts so notwendig wie eine neue Sachlichkeit. Fürs Zeitungsmachen bedeutet das: Erstens: Im Allgemeinen gilt das Primat der Fakten über die Meinungen. Zweitens: Im Politikteil gilt das Primat der Ökonomie. Drittens: Im Kulturteil gilt das Primat der Politik. Viertens: Junk Word und lustige Überschriften sind verboten."
Da können auch wirklich nur dumpfe Primaten drauf kommen: die Junk World zu verbieten. Humorbefreiten nationallinken Journalismus könnte man das nennne. Und würde man wohl auch, wenn Elsässer noch was zu sagen hätte. (Die Junk World, jedenfalls, ist abgeschafft, auch ohne Elsässers Zutun. Dafür gibt's jetzt Sexisten-Comicstrips, und das ist sicher in seinem Sinne.)

Dann aber, wie gesagt, konkret. In kürzester Zeit wuchs er zum zweiten Mann des Männermagazins (wo Frauen zwar mitarbeiten, jedoch nur ausnahmsweise schreiben dürfen) heran. Der Rausschmiß erfolgte, so will es die Legende, weil sich Elsässers Position zu weit von der konkret-Linie verabschiedet habe. Das stimmt zum Teil. Hinzu kam ein Talent für unerträgliches Geschmiere. Kostproben gefällig?

Über Möllemän:
"Der US-Markt ist für den deutschen Export zehnmal wichtiger als der arabische. Erst wenn sich das ändert, wird Möllemann seine Chance bekommen. Bis dahin ist der Realpolitiker Schröder in jeder Beziehung gefährlicher als der antisemitische Wadenbeißer."
("Der Skandal", Konkret 7/2002, S.13)

Wir sehen: mit der Ökonomie kennt er sich aus, der Elsässer. Und selbige ist ihm in jeder Beziehung wichtiger als Kampf gegen Antisemitismus. Wadenbeißer? Wie niedlich. Nun jedenfalls, und das hat selbst Elsässer nicht ahnen können, ist's mehr ein Grasbeißer.

"Wer angesichts des Amoklaufs des US-Präsidenten nicht ein paar antiamerikanische Reflexe verspürt, ist hirntot."
("Böse Pannen", Konkret 11/2002, S.19)

Ach handelte es sich bei diesen Zuckungen doch bloß um die Sukzession einer Leiche.
Daß er selber natürlich nur das Beste für USA (und Israel...) im Sinn hat, legt er am Ende dieses Artikels offen:
"Doch es gibt etwas, das hierzulande noch gefährlicher ist: wenn Menschen den Drang verspüren, ohne jede stichhaltige Begründung Krieg zu führen - heute gegen den Irak, morgen gegen den Iran oder Saudi-Arabien, übermorgen gegen Israel und die USA."

Sehr "clever", Jürgen.

Solidarität mit Israel ist nichts mehr als alberner Reflex, denn:
"Wer weiß schon, ob Nordkorea mit seinen Trägerraketen nicht auch ABC-Sprengköpfe nach Israel transportieren kann?"
("Deficit Bombing", Konkret 12/2002, S.15)

Im gleichen Artikel benennt Elsässer folgefalsch das neue Credo der Linken (er meint: der Antideutschen) als "In dubio pro bello". Und seines? Todo por la patria? Im Zweifel für das Volk?

Im Allgemeinen gilt das Primat der Fakten über die Meinung, heißt es, ich weiß nicht mehr wo, doch trotzdem nahm Elsässer nicht selbst seinen Hut, sondern wurde gegangen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber auf einmal machte konkret-Lesen wieder Spaß. Spaß? Klar, geht nicht - in Elsässers Welt der harten Fakten und hohlen Fürze.

Mittlerweile arbeitet er nicht nur wieder für die jW, wo er hinpaßt wie Faust auf Milz, sondern er sitzt auch im BND-Untersuchungsausschuß des Bundestages für die Linkspartei [sic!]. Vermutlich, weil er mit dem BND noch ein Hühnchen zu rupfen hat - er hätte dem "Nachrichtendienst" so viel über Jungle World und konkret erzählen können, aber der BND wollte ihm einfach nichts zahlen.

Das Schlußwort gebührt Jürgen Elsässer himself:
"Ich war schon immer ein Fan von Lafontaine."
(WAHRSCHAUER, 12/2005)

'Nuff said.

Kommentare:

  1. eins vorweg, j.e. autobiograph wirste so nicht! und das ist auch gut so!
    ansonsten: sehr guter text. umfangreich; detailverliebt, wo's sein muß; ekelig, realistisch wo's not tut; recherche top; nicht meinungsscheu. foto ist nicht bewertungsfähig. also 10 punkte!

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  2. Daniel schmeißt zur Zeit aber mit 10ern um sich, ob das nicht ein Bluff ist? Egal, kann mich bis zu den Punkten dem Urteil anschließen, behalte mir die Sternchen zu den Bestnoten allerdings noch ne weile vor - lieber keine 10 rausrücken als irgendwann erkennen zu müssen, daß ich ne 11 bräuchte! Deswegen gibts hierfür Sichere 8 Punkte.

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  3. ich bin halt kein freund von relations-notenverteilung; entweder isses ne 10 oder nicht. wenn ich nämlich die noten nach der relation der qualität der beiträge zueinander vergebe, müsste ich bis zum 0.00h am 1.09. warten und erst dann alle beiträge bewerten, aber das wäre mir zu viel arbeit in zu kurzer zeit!

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  4. oh. der trend geht ja doch eher zum langbloggen, was?
    sehr schöner text, aber nicht ganz so nutzlos wie mensch es sich wünschen würde. andererseits pluspunkte für das ausgraben obskurer zitate, macht...
    antigermany: eight points!

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  5. sehr schön: schließmuskelnd. solide recherchiert, schön irre zitate. aber ich schließe mich dem allg. waagenstandsanzeiger an, der hauch der nutzlosigkeit fehlt. daher verreisse ich mich zu einer 9!
    sollen wir das jw-bashing beenden und uns neuen gefilden zuwenden?

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  6. kurze ergänzung zu j.e.:
    http://www.planethop.blogspot.com/

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  7. Whoa, danke @ Roi - netter Link. Vielleicht macht Bozic näxtes Jahr beim BotB mit... (und: dieser Jungle World-Redakteur hat offensichtlich Geschmack - nettes Blog-Layout, muß ich sagen.)

    Und AllgWagen scheint ohnehin schizo (dabei: nicht aus Belgien): gibt 8 Punkte, obwohl nicht sinnbefreit; gibt 3 Punkte, wenn doch. Wäre also an Deiner Stelle vorsichtig, mich ihm anzuschließen ;)

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  8. Hmm, hat mir alles was zu viel von Uni. Da gehe ich nun schon seit Jahren (freiwillig) nicht mehr hin. Noch länger nicht mehr ins Institut für politische Wissenschaft. Aber weil ich drauf stehe, wenn über was geblogt wird, wo ich letztens noch drüber geredet habe 7 Punkte.

    Ich suche noch mal die AntiFa Lektüre von vor ewig wo dazu was drin stand. Lag letztens auf irgendeinem Küchentisch. Vielleicht ja auch da wo du warst und daher die Inspiration?

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  9. Jetzt weiß ich noch mehr über Elsässer als mir lieb ist - und das ist gut so. Recherche, Zusammenstellen der Highlights und Schreibe: top (Bewertung: siehe im Wesentlichen Daniel inklusive Fotovermerk). Ich mag es, wenn Blogs niveauvoll sind: 10 Punkte. Und ich war ja auch für mehr Politik im Blog.

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