
Niemand mag sie, auf jeder fünften DVD sind sie: Audiokommentare. Dieses Sub-Genre der Filmverwertung ist in der Tat sehr unappetitlich. Meistens fühlt es sich so an, als säße man im Kino, und die Leute hinter einem können einfach nicht die Klappe halten - und man kann sich nicht mal umdrehen, und den Leuten über den Mund fahren. Zugegeben, man könnte den Audiokommentar abschalten, aber warum hat man ihn überhaupt erst eingeschaltet? Eine Zwickmühle.
Liebhaber des Genres finden jedoch hin und wieder eine Perle von derartiger Brillanz, daß man vergißt, daß gerade der Film von notorischen Laberbacken zugetextet wird. Und genau um diese Glanzstücke soll es hier gehen.
Die oft stiefmütterlich behandelten Kommentare (für wie viele Leute ist ein Audiokommentar schon ein Kaufanreiz?) bieten in der Tat einige Stolperfallen. Gehen wir also kurz auf die wichtigsten Sünden ein - die Top-10-Kommentare weisen diese Schwächen nicht oder nur in vernachlässigbarem Maße auf.
Stating the obvious: Schlimmstmöglich sind Kommentare, die versuchen, die Handlung zu erzählen, während sie passiert - jetzt geschieht dies, nun das, und gleich was anderes... wow! Da bin ich froh, daß ich den Kommentar eingeschaltet habe - sonst hätte ich mir den Film selber anschauen müssen. Uh. Zum Glück sind derlei Kommentare sehr selten, und fast ausschließlich bei Fernsehserien zu finden.
Massenveranstaltung: Ein oder zwei Leute für den Kommentar sind perfekt, drei gehen vielleicht noch, vier sind grenzwertig. Alles darüberhinaus führt zu chaotischen Meinungsschnippseln. Regiekommentare sind üblicherweise die besten, und wie viele Leute führen schon auf einmal Regie? Eben.
Uh-äh-ah, y'know: Man muß kein überragender Redner sein, um einen Audiokommentar zu sprechen, aber die immer gleichen Füllworte sind wirklich nicht angebracht (JJ Abrams, ich schau' dich an, y'know?). Wenn der Kommentar sich anfühlt, als würde ihn Stefan Raab vom Teleprompter ablesen ("äh, äh") geht das vielleicht für eine einzelne Fernsehfolge in Ordnung - einen ganzen Spielfilm will man so aber nicht durchstehen.
The Sound of Silence: Ein Kommentar, der für fünf oder mehr Minuten auf Funkstille schaltet, hat etwas an sich, daß verstörender ist als das japanische Original von
The Ring. Ständig zwischen Kommentar und Film hin- und hergeschmissen zu werden macht keinen Spaß. Passiert es häufiger, ähnelt es in gewisser Hinsicht dem
stating the obvious: hätte ich den Film sehen wollen, hätte ich nicht den Kommentar eingeschaltet. Duh.
Umgekehrt ist es nicht leicht zu bestimmen, was einen guten Kommentar ausmacht. Unterhaltsam, witzig, informativ sollte er sein - aber nicht zwangsläufig alles auf einmal. Ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal von Kommentaren ist das Script: meistens gibt es keines. Ein qualitativer Unterschied ist das jedoch nicht unbedingt.
Damit wäre das geklärt.
Without further ado... JT Firefly presents: Best of Audio Commentary!10.
Big Fish - Tim Burton: Mehr ein Interview als ein Audiokommentar, aber was soll's. Besondere Perle: der Vergleich zwischen der Beziehung von Vater und Sohn Bloom mit der zwischen Joker und Batman. Das allein war den Eintrittspreis wert.
9.
The Interpreter - Sydney Pollack: Pollacks Feindschaft gegen die Kinofilmvergewaltigungen durchs Fernsehformat ist uneingeschränkt zu unterstützen. Und ganz nebenbei liefert er eine unterhaltsame Einführung in die Filmtheorie (naja, fast).
8.
Babylon 5 Episode 1.13 (Signs and Portents) - J. Michael Straczynski: Mit Einführung der Shadows wird aus einer guten SciFi-Serie eine hervorragende. Ab dieser Folge geht es aufwärts - und Straczynski erklärt, warum.
7.
Serenity - Joss Whedon: Buffy the Vampire Slayer verdient eigentlich auch eine Nennung in dieser Top 10, doch sind wir ehrlich (und greifen kurz vor): zweimal Joss Whedon ist genug (und manche der nicht von Whedon stammenden Audiokommentare bei Buffy gehören zum Schlechtesten dieser Kunst, also Schwamm drüber). Der Serenity-Kommentar bietet solides Handwerk: was wurde warum wie gemacht. Und das vom Meister des gescripteten Kommentars.
6.
Ghostbusters - Ivan Reitman, Harold Ramis et al.: Ein Meisterwerk der 80er Jahre, angereichert durch einen exquisiten Audiokommentar, aufgenommen fast zwei Jahrzehnte nach der Erstveröffentlichung. Was könnte schöner sein, als zu erleben, wie Ramis Reitman unterbricht, nur weil gerade seine erste Szene im Film zu sehen ist? Einige der vermittelten Informationen sind sehr aufschlußreich, zum Beispield er Umstand, daß Dan Aykroyd (Hauptautor des Drehbuchs, später unterstützt von Ramis) ursprünglich vor hatte, den Film in der Zukunft anzusiedeln, in der Dutzende Geisterjäger-Teams agieren, und ungefähr 30 Riesenmonster auftauchen (der Marshmallow Man hätte sein Unwesen bereits im ersten Drittel des Films getrieben).
5.
Monty Python's The Meaning of Life - Terry Jones, Terry Gilliam:
Monty Python. 'nuff said.
4.
Gangs of New York - Martin Scorsese: Mehr eine Geschichtsstunde als ein Audiokommentar, Scorses vergißt aber auch die Produktionsnotizen nicht - beispielsweise, wie
Daniel Day-Lewis aus dem Vorruhestand (beziehungsweise: der Schusterlehre) gebracht wurde.
3.
Lord of the Rings Extended DVDs (Fellowship of the Ring, The Two Towers, Return of the King) - Peter Jackson, Fran Walsh, Philippa Boyens: Nicht nur ist dieser Kommentar amüsant und informativ, genau wie ein Audiokommentar sein sollte, sondern hier trennt sich die Spreu vom Weizen: knapp 12 Stunden Film bedeutet knapp 12 Stunden Kommentar.
Bring it on!
2.
Big Trouble in Little China - Kurt Russell, John Carpenter: Man weiß, daß es sich um eine besondere Art von Kommentar handelt, wenn der Film schon Jahrzehnte alt ist (siehe Ghostbusters). Und wenn sich die beiden Erzählenden derart gut verstehen, daß knapp ein Drittel der Zeit über Baseball geredet wird, ist klar, daß es sich um einen Klassiker der Audiokommentare handelt. Postmoderner wird's nicht.
1.
Firefly Episode 14 (Objects in Space) - Joss Whedon: Jean-Paul Sartre auf der Serenity? Ein wilder Ritt durch die philosophisch verpesteten Gehirnwindungen von Joss Whedon - Spaß für die ganze Familie, und vielleicht der einzige Audiokommentar, den man mehr als einmal hören mag.
So viel dazu. Wir sehen mal wieder: Firefly toppt alles. Einen Sonderpreis erhält hingegen
Doctor Who (neue Serie, Staffeln
1 und
2) - so viele Audiokommentare bei einer TV-Serie gab es wohl noch nie. Bravo! (Und wer ist der Macher
Russell T. Davies? Na klar: der "britische Joss Whedon".)