Samstag, Dezember 16, 2006

Thiersebrei

Nun fragt man sich vielleicht, wie ein Typ wie ich dazu kommt, sich morgens ausgerechnet vom Deutschlandfunk wecken zu lassen. Jedenfalls, ehrlich gesagt, frage ich mich das gerade. Und nicht zum ersten Mal.

Heute morgen auf dem Sender: ein Interview mit Wolfgang "Taliban" Thierse (Achtung: MP3, 2,1 MB). Und wieder ist's passiert: statt umgehend aufzustehen, lausche ich gebannt den rauschenden Worten. Wie könnte man sich dem Anschwappen dieser überlegten Sätze, jedes einzelne Wort drei Mal rumdrehend und erst gut durch aus der Küche des Vokaltrakts tragend, erwehren?

Lang und gut, hier einige Impressionen aus der raugewichtigen Samstagspredigt des gemäßigsten aller Extremisten. Ich muß gestehen, daß mein Radiowecker erst gegen Ende des thiersigen Monologs überhaupt in Erwägung zog anzuspringen. Und das o.a. MP3 beginnt leider auch erst mittendrin, statt nur dabei. Ach, was sag ich "leider"?

Der Vorteil dieser Studie ist ja, daß sie eine Langzeituntersuchung darstellt. Das ist schon der fünfte Band. Und in dieser Langzeituntersuchung wird sichtbar, daß es in Deutschland ein [?] ganz langsam aber eben doch merkbar ansteigende menschenfeindliche Einstellung von Leuten gibt.
Keine Ahnung, von welcher vorteilhaften Langzeituntersuchung die Rede ist (nuja, doch: Deutsche Zustände, Band 5). Es fällt Thierse jedenfalls hörbar schwer, den Befund der Studie darzulegen. Ist ja auch kein schönes Thema. Aber Schönrederei ist des Thierses Sache nicht. Entschuldigen hingegen schon, und was würde Homophobie in all ihren funkelnden Facetten besser und plausibler erklären, als ökonomische Mißstände:
Wenn man in einer großen Stadt mit einigem wirtschaftlichen Erfolg lebt, ist man in einer anderen Situation, als wenn man auf dem sogenannten flachen Land, in einer abgehängten Region lebt, und resigniert, voller Zukunftsängste ist, auch voller Haß dann ist, weil man keine Chance für die eigene Zukunft sieht.
Da ist wahrlich die "Menschenfeindlichkeit" der einzige Ausweg...

Doch kommen wir schließlich und endlich zu dem Teil, der mich vom wohlverdienten Aufstehen abhielt. Der Interviewende wirft folgendes faktisches Faktum, welches stimmt, in den Äther: "Ein interessantes Faktum: je höher die Bildung, desto geringer die Neigung zur Abwertung anderer. Das stimmt. Nur mit Blick auf den Islam stimmt es nicht. Warum?" Darauf Thierse:
Da muß man sehr vorsichtig sein. Was bei Heitmeyers Islamophobie unter [?] beschrieben wird, da bin ich sehr vorsichtig in der Beurteilung. Das wir alle ein zwiespältiges Bild vom Islam haben, hat doch damit zu tun, daß wir nicht nur die Religion und den Koran bewerten, und manche Nachbarn und Bekannten, die islamischen Glaubens sind, sondern daß wir doch immerfort die Nachrichten hören von Selbstmordattentaten, von Terrorismus, von Bürgerkrieg und Krieg und Gewalttaten, im Nahen Osten, in der islamischen Welt. Daß das kein freundliches Bild gegenüber dem Islam insgesamt erzeugt, daß ist doch zunächstmal nachvollziehbar, und das trifft auch gleichermaßen Ungebildete wie Gebildete. Den Nachrichtenstand haben wir alle [lol]. Also, da bin ich etwas vorsichtiger in der Bewertung. Wenn man etwa fragen würde, wie das Bild der isla... der katholischen Kirche oder der evangelischen Kirche oder des Judentums ist, da würden wahrscheinlich auch allerhand phobische Vorstellungen zum Vorschein kommen.
Nur leider verhält es sich mit dem Schächten von kleinen Christenkindern im Judentum etwas anders als mit den islamischen Selbstmordattentätern. Das eine ist ein Produkt der eigenen bzw. gesellschaftlichen Homophobie, genauer: der Sonderfall Antisemitismus, das andere alltägliche Wirklichkeit. Doch unter anderem um Religion und Terrorismus soll es ja bei Atheismus 101 gehen, also an dieser Stelle genug davon. Nur so viel: wer Thierses "phobische Vorstellungen" durch "Fisimatenten" ersetzt, kommt der Sache bereits recht nahe. Und was die Feststellung, daß der islamische Terrorismus nicht nur Terrorismus, sondern auch islamisch ist, mit wie auch immer gearteter Phobie zu tun haben soll, muß mir bei gegebenem Anlaß mal in aller Ruhe erklärt werden. Mitnichten ist dieser Terrorismus ein Aufstand der Hoffnungslosen und Entrechteten, wie Thierse beim Thema "Homophobie in Deutschland" noch beschwichtigend einzuwerfen versucht. Stichwort: Schnöselstudis und ihr gelehrsamer Flug ins WTC. Religion ist hier nicht Mittel zum Zweck, sondern umgekehrt.

Abrupter Wechsel: "Ein anderes Thema in dieser Studie: einen positiven Effekt der WM-Begeisterung haben die Wissenschaftler nicht gefunden. Nach Ansicht der Forscher hat der WM-Patriotismus den Zusammenhang zwischen Nationalstolz und Fremdenfeindlichkeit nicht aufgebrochen. Überrascht Sie das?" Thierse:
Nein, es überrascht mich nich. Wir haben ja gesehen, daß diese wunderbaren vier Wochen, die uns ja alle angesteckt haben - das war doch eine wirklich schöne Zeit - daß das nicht angehalten hat. Die Gewalttaten in und um den Fußball haben wieder zugenommen [...].
Welche Phantasie-WM hat Thierse denn da gesehen? Wer nicht nur zuhause vor der Glotze die medial geschönte Terrorveranstaltung verfolgte, sondern sich auch mal unter den Pöbel wagte, erhielt ein anderes Bild. Die schlagartige "Weltoffenheit" in Deutschland war ein Mythos, ohne den kein Feiern gewesen wäre.

Endlich neigen sich die neun Minuten ihrem Ende:
Wir brauchen insgesamt in diesem Land eine breite Kultur der Anerkennung, der Anerkennung auch von Verschiedenheiten, das Ja zu Menschen unterschiedlicher Überzeugungen, unterschiedlicher ethnischer Herkunft, unterschiedlichen Glaubens.
Da hat er aber Recht, der Thierse. Und wie dieser aus gutem Grund eine "breite Kultur der Anerkennung" auch und insbesondere für den Islam fordert, fordere ich hiermit selbiges für jene armen und geknechteten Seelen genannt Rechtsextremisten. Man muß halt unterschiedliche Überzeugungen tolerieren, komme, was wolle.

Wannohwann werden notorische Gutmenschen wie Thierse begreifen, daß "Anerkennung" und Toleranz dort endet, wo sich Glaube und Überzeugung gegen körperliches und geistiges Wohlbefinden richten?

Kommentare:

  1. "(...) sondern daß wir doch immerfort die Nachrichten hören von Selbstmordattentaten, von Terrorismus, von Bürgerkrieg und Krieg und Gewalttaten, im Nahen Osten, in der islamischen Welt."

    OK, Thierse, ich hab die Lösung, einfach mal die Ohren bzw Gehirn auf Durchzug stellen!

    Und zack keine bösen Islamisten mehr, sondern nur noch Freunde, Nachbarn, Bekannte.

    Oder ums Doug Heffernan zu sagen:"für mich hast Du gar keinen Darm, sondern bist angefüllt mit rosa Marshmellows."

    btw, und ich dachte schon ich hätte einen schweren Morgen gehabt, aber dagegen ist der wohlverdiente Minikater ja nix.

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  2. Ja, war kein angenehmes Szenario: Samstags um ca. 7.30h aufstehen zu müssen, von Thierse geweckt zu werden, auf der Stelle hellwach zu sein, aber trotzdem nicht aufstehen zu können...

    PS: Ohne "mit" ist auch schön.

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