Donnerstag, Dezember 07, 2006

Lauf doch mit

In Baden-Württemberg liegen die Nerven blank. Ein Gymnasium in Offenburg sollte Schauplatz eines Amoklaufs werden, jedenfalls wenn man dem Internet trauen darf...

Das war geschehen:
Ein unbekannter Mitspieler hatte laut Polizei in einem Internet-Killerspiel für den Nikolaustag gedroht, an seiner Schule ein Blutbad anzurichten. (Handelsblatt.com)
Nun gehört es vielleicht zum journaillischen Pathosethos, beim absolut Bösen weitere Details außen vor zu lassen, um die sensible Lesendenschaft nicht noch mehr zu schocken. Doch als denkender Mensch will man sich nicht mal vorstellen, was die Handelsblattkonsumierenden sich unter "Internet-Killerspielen" vorstellen.

In solch zeitlicher Nähe zur "Bluttat von Emsdetten" (erneut Handelsblatt.com) reagiert die Popolizei natürlich mit gebührendem/-lichem (ergo zu bezahlendem) Einsatz. Beispielsweise im Hamburger Online-Abendblatt heißt es:
"Wir kontrollierten jeden Schüler, jede Tasche", sagt ein Beamter. Drinnen patrouillieren Bereitschaftspolizisten. Ein Schüler: "Auf jeder Etage waren es zehn. Wir durften nur einzeln auf die Toilette."
Blinder Aktionismus? Da wird mal kurz die Privatsphäre aller Kiddies vergewaltigt, nur weil irgendein Depp meint, beim Onlinezocken Dampf abzulassen zu müssen.

Nun habe ich bereits mehr-fach auf die Dummheit der Internetinsassen hingewiesen. Doch wie kann man, Nüchternheit vorausgesetzt, Amoklaufdrohungen, die in einem "Internet-Killerspiel" (mutmaßlich das unvermeidliche CS) getätigt werden, für baren Zaster halten?

Die traurige Gestalt des Drohungsaussprechers hat nun den Freitod gewählt. Ob er ein ohnehin kaputtes Emo-Kid war, oder die unverhältnismäßige Polizeiaktion ihren Teil beitrug, ist zur Stunde noch ungeklärt. Unter uns, der Selbstmord verleiht der angekündigten Aktion eine gewisse Ernsthaftigkeit, aber eben posthum, also doch nicht.

Der Trend jedenfalls hält an:
In München nahm die Polizei gestern einen 21-Jährigen fest, der einen Amoklauf an seinem Arbeitsplatz angekündigt hatte. Motiv: "Langeweile." Auch bei ihm wurden gewaltverherrlichende Videospiele entdeckt. In Laatzen bei Hannover schlug ein Schüler (17) im Streit auf seinen Lehrer (56) ein und verletzte ihn leicht. Im niederbayerischen Vilshofen schoss ein Azubi (20) in einer Berufsschule mit einer Soft-Air-Waffe um sich, traf einen Mitschüler, verletzte ihn aber nicht.
Lustige Zeiten, in denen selbst das Abfeuern einer Softair-Waffe eine Meldung wert ist. Dies zu verharmlosen geht dann allerdings zu weit - der arme Mitschüler trug einen erbsengroßen blauen Fleck davon und ward nicht mehr gesehen (zumindest nicht im Hamburger Abendblatt).

"Gewaltverherrlichende Videospiele" sind die "Gewaltfilme" des 21. Jahrhunderts. Daß die fortschreitende Verrohung (falls vorhanden) auch durch großmächtiges Kriegspielen hervorgerufen sein könnte, und die gesteigerte Perspektivlosigkeit der Jugend den Rest gibt, wagt die Journaille nicht auszusprechen. Schuld sind immer die anderen, im Zweifel der Ami - man weiß ja, woher die "Killerspiele" (und der Amoklauf) kommen.

So bleibt folgerichtig nur eine Möglichkeit: das Verbot von "Killerspielen". Man darf sich also schon mal auf Zeiten freuen, in denen frustrierte Ich-will-zum-Bund-Idioten ihre Gewaltphantasien nicht mehr in Computerspielen befriedigen können. Das wird ein Spaß.

Kündige hiermit aus Langeweile einen Amoklauf in der Polizeidienststelle oder Zeitungsredaktion meiner Wahl an. Und, oh, da wird wohl was dran sein. Steht ja im Internet.

Kommentare:

  1. Das Problem ist doch, daß die Idioten, die ihre Gewaltphantasien dann bei der BW ausleben wollen, ohne CS, Half-Life oder younameit wirklich nur schlecht ausgebildet wären und folgerichtig ihren Zweck besser erfüllen könnten, nämlich tot bleiben.

    Ach so, da ist gar kein Problem.

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  2. Völlig richtig.
    Die US-Armee ist da bekanntlich progressiver, und nutzt Egoshooter (also das, was die arme Wurst aus Offenburg leider falsch verstanden hat) für Ausbildung und Werbung. Kein Wunder, daß europäische Armeen im Vergleich abschwächeln.

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