Donnerstag, Dezember 07, 2006

Der Tod ist ein Meister aus Mittenwald

Wie Spiegel Online freudigst berichtet, wurde die Ermittlung gegen Soldaten eingestellt. Wir erinnern uns: brotdumme Bundis hatten 2003 in Afghanistan mit Schädeln und Knochen posiert.

Alles halb so wild, meint die Staatsanwaltschaft München. Schließlich kamen die menschlichen Überreste nicht vom Friedhof. Und außerdem war's der Ruß':
Die Schädel und andere menschliche Knochenteile in dem Gelände stammten vermutlich von sowjetischen Soldaten aus der früheren Besatzungszeit.


Somit handelt es sich nicht etwa um Totenschändung, sondern höchstens um eine "Ordnungswidrigkeit wegen Belästigung der Allgemeinheit", und die wäre mittlerweile verjährt.

Was lehrt uns das? Wer nicht mittels monotheistischen Riten in der Erde verbuddelt wurde, verwirkt jeden Anspruch auf würdevolle Behandlung. Und Sowjetsoldaten waren ohnehin gottlos, also was?
Die einzig Geschädigte ist, wie könnte es anders sein, höchstens die deutsche Öffentlichkeit.

Und damit ist wieder einmal die Wehrmachtsnachfolgeorganisation gerettet, dank sei der deutschen Justiz.

Lebe lieber gewöhnlich

Lauf doch mit

In Baden-Württemberg liegen die Nerven blank. Ein Gymnasium in Offenburg sollte Schauplatz eines Amoklaufs werden, jedenfalls wenn man dem Internet trauen darf...

Das war geschehen:
Ein unbekannter Mitspieler hatte laut Polizei in einem Internet-Killerspiel für den Nikolaustag gedroht, an seiner Schule ein Blutbad anzurichten. (Handelsblatt.com)
Nun gehört es vielleicht zum journaillischen Pathosethos, beim absolut Bösen weitere Details außen vor zu lassen, um die sensible Lesendenschaft nicht noch mehr zu schocken. Doch als denkender Mensch will man sich nicht mal vorstellen, was die Handelsblattkonsumierenden sich unter "Internet-Killerspielen" vorstellen.

In solch zeitlicher Nähe zur "Bluttat von Emsdetten" (erneut Handelsblatt.com) reagiert die Popolizei natürlich mit gebührendem/-lichem (ergo zu bezahlendem) Einsatz. Beispielsweise im Hamburger Online-Abendblatt heißt es:
"Wir kontrollierten jeden Schüler, jede Tasche", sagt ein Beamter. Drinnen patrouillieren Bereitschaftspolizisten. Ein Schüler: "Auf jeder Etage waren es zehn. Wir durften nur einzeln auf die Toilette."
Blinder Aktionismus? Da wird mal kurz die Privatsphäre aller Kiddies vergewaltigt, nur weil irgendein Depp meint, beim Onlinezocken Dampf abzulassen zu müssen.

Nun habe ich bereits mehr-fach auf die Dummheit der Internetinsassen hingewiesen. Doch wie kann man, Nüchternheit vorausgesetzt, Amoklaufdrohungen, die in einem "Internet-Killerspiel" (mutmaßlich das unvermeidliche CS) getätigt werden, für baren Zaster halten?

Die traurige Gestalt des Drohungsaussprechers hat nun den Freitod gewählt. Ob er ein ohnehin kaputtes Emo-Kid war, oder die unverhältnismäßige Polizeiaktion ihren Teil beitrug, ist zur Stunde noch ungeklärt. Unter uns, der Selbstmord verleiht der angekündigten Aktion eine gewisse Ernsthaftigkeit, aber eben posthum, also doch nicht.

Der Trend jedenfalls hält an:
In München nahm die Polizei gestern einen 21-Jährigen fest, der einen Amoklauf an seinem Arbeitsplatz angekündigt hatte. Motiv: "Langeweile." Auch bei ihm wurden gewaltverherrlichende Videospiele entdeckt. In Laatzen bei Hannover schlug ein Schüler (17) im Streit auf seinen Lehrer (56) ein und verletzte ihn leicht. Im niederbayerischen Vilshofen schoss ein Azubi (20) in einer Berufsschule mit einer Soft-Air-Waffe um sich, traf einen Mitschüler, verletzte ihn aber nicht.
Lustige Zeiten, in denen selbst das Abfeuern einer Softair-Waffe eine Meldung wert ist. Dies zu verharmlosen geht dann allerdings zu weit - der arme Mitschüler trug einen erbsengroßen blauen Fleck davon und ward nicht mehr gesehen (zumindest nicht im Hamburger Abendblatt).

"Gewaltverherrlichende Videospiele" sind die "Gewaltfilme" des 21. Jahrhunderts. Daß die fortschreitende Verrohung (falls vorhanden) auch durch großmächtiges Kriegspielen hervorgerufen sein könnte, und die gesteigerte Perspektivlosigkeit der Jugend den Rest gibt, wagt die Journaille nicht auszusprechen. Schuld sind immer die anderen, im Zweifel der Ami - man weiß ja, woher die "Killerspiele" (und der Amoklauf) kommen.

So bleibt folgerichtig nur eine Möglichkeit: das Verbot von "Killerspielen". Man darf sich also schon mal auf Zeiten freuen, in denen frustrierte Ich-will-zum-Bund-Idioten ihre Gewaltphantasien nicht mehr in Computerspielen befriedigen können. Das wird ein Spaß.

Kündige hiermit aus Langeweile einen Amoklauf in der Polizeidienststelle oder Zeitungsredaktion meiner Wahl an. Und, oh, da wird wohl was dran sein. Steht ja im Internet.

Mittwoch, Dezember 06, 2006

Junge versus Jungle

Drüben bei Planet Hop findet sich dieser Link zu einem Radiointerview mit Planet Hops/Jungle Worlds Ivo Bozic. Es geht, wie könnte es anders sein, um die Abokampagne der Jungle World - 500 neue Abos müssen her, sonst müßt ihr ab jetzt die junge Welt lesen.

Ist natürlich gelogen, das mit der jungen Welt. Nichtsdestotrotzdem dürfen wir uns folgende Frage des Interviewers gefallen lassen:
Gesetz dem Fall, ihr würdet die 500 neuen Abos nicht zusammenkriegen, und daraufhin tatsächlich die Jungle World einstellen, würde denn dem linken Zeitungsmarkt damit außer ein paar Arbeitsplätzen was Wesentliches verloren gehen? Schließlich gibt es auch noch andere linke Zeitungen, zum Beispiel die junge Welt, das Neue Deutschland, oder noch ein paar mehr.
Völlig zu Recht weist Bozic darauf hin, daß die Jungle World sich bewußt gegen den "nationalbolschewistischen und antiisraelischen Trend" von Blättchen wie eben junge Welt stellt. Und die jW ob des linken Labels mit der Jungle World in einen Tiegel zu schmeißen, ist ungefähr so hirnrissig, -verbrannt und -zermanscht, wie Lafontaine einen Linken zu nennen.

Deutlichere Worte wären also angebracht gewesen, aber die findet Bozic immerhin an anderer Stelle:
...und ich glaub', die Leser, die wir jetzt haben, die können einiges ab, und die bekommen gerne mal eins in die Magengrube versetzt...
So und nicht anders wirbt man Abos. Meines jedenfalls ist spätestens jetzt für längere Zeit gesichert - Jungle World schlägt in den Magen, und konkret tritt nach, wenn man am Boden liegt. Das eine bringt ohne das andere wenig.

Montag, Dezember 04, 2006

Dann lieber doch im Untergrund

Die junge Welt, schon seit Stunden nicht mehr mit antisemitischen Auswürfen auf- und abgefallen, übt sich, aus- und überführt von Jürgen Roth, in Visagenkritik. Ein gar lust'ges Artikelchen, betitetel mit Gesichtergrauen, untertitel mit "Zeig mir deine Chefredakteure, und ich sag’ dir, welches Blatt du bist: Zur Editorialfotografie", schlawenzelt platitüdigt weiter wie es begonnen hat.

Jeder Magazinleser kennt die beiden. Der eine, der Grußonkel des deutschen Schmadderblattes Nummer eins, unser Megamoppel Helmut Markwort nämlich, trägt angegrautes, mittellang-frisurloses Haar, eine Brille Marke Dieter Hundt, ein anthrazitfarbenes Konfirmandensakko, einen irgendwie bunten und gemusterten Schlips und ein unternehmerisch-joviales, fast gackerndes Grinsen bis in die Birnenbäckchen hinein zur Schau. Ein leicht nach rechts wegkippender Kopf ist da zu gewärtigen, dessen Anblick resp. ikonographischer Gehalt zuweilen so zupackend und fordernd deucht, daß einem schon mal blümerant wird.
Nun bin ich der Vorletzte, der Markwort schützend zur Seite stehen würde. Aber, unter uns: sich über diesen "Megamoppel" lustig machen ist ungefähr so schwierig und gehaltvoll wie das Suchen von Knochen im Kotelett. Who friggin' cares?

Der andere, der Andreas Petzold vom Hamburger Konkurrenzorgan in Sachen heißer Luft und luftiger Hot News, schaut den Leser frontal an. Des Jacketts entbehrend, rechnet er, scheint’s, dem jugendlicheren Fach sich zu. Er mimt unter einer forschen oder immerhin feschen Wellenfrisur mehr den ernsthaften und gleichwohl optimistischen, zukunftsfesten Räsonneur, der, sobald die vierstündige Mittagskonferenz zu einem glücklichen Ende gekommen ist, noch mal die Andeutung eines Lächelns übers Gesicht fliegen, ja huschen läßt, anschließend die hellblauen Ärmel hochkrempelt und ein Editorial zusammenpfeffert, das sich rasiert und gewaschen hat und der Republik, mitunter gar der Welt die Wege weist, die sie einzuschlagen verdammt wäre, hätte ein gebildeter Mann des Hauses Gruner+Jahr das Sagen.
Ditto. Was uns aber der Onkel Jürgen in Wahrheit eindringlichst vor die ungläubigen, ja müden Augen führen möchte und auch tut, ist sein famoses Vermögen, schier endlos lange Sätze, die trotzdem oder gerade deshalb unbeschwehrt von einem Zeh auf den anderen hüpfen, in einer leichten Schwere zu kredenzen, die Ihresgleichen scheut, aber dennoch sowohl im Druck als auch Online, auf Deutsch: auf der Kokainlinie, in die wartende Welt getragen wird, und die Lesenden zugleich beeindruckt und erschreckt, ja anekelt.

Es folgt eine nicht endenwollende Flut an Negativbeispielen, nur unterbrochen durch zwei Ausreißer, bei denen sich die Chefredaktion in Zurückhaltung übt: Spiegel und Bunte. Nun hat es sich der Roth jedoch zum Ziel gesetzt, über sämtliche Monats- und Wochenheftchen, die leiderleider in vier statt zwei Farben gedruckt werden, herzuziehen. Ging es ursprünglich noch um fiese Gesichtsbaracken in Hoch- und Niedrigglanzmagazinen, wird nun des Rothens Ziel offenkundig: ablästern, bis die Schwarte kracht. Und das, wohlgemerkt, in einem der verabscheuungswürdigsten, dümmsten und überflüssigsten Blätter, die der deutschsprachige Raum zu bieten hat.

Und damit ist die leidende Lesendenschaft schon fast entlassen.
Nicht jedoch, ohne in die alte Tante Hörzu gegafft und feurig erregt gesehen zu haben: daß es der dortige Thomas Garms wagt, sich mit nackichter Glatze ablichten zu lassen. Davor ziehen wir den Hut und überreichen ihn Herrn Garms, auf daß er sein Haupt bedecke und solcher finalen Schamlosigkeit ein fälliges Ende bereite.
Doch haben sie da nicht die tolle Platte des geliebten Lenins vergessen? Kann ja nicht jeder ein Sozialistennest wie Ernesto oder einen Kommunistenkamm wie Kim tragen. Und tatsächlich, Roth selber gibt den Lenin - im Gegensatz zum Garms (an dem doch nun wirklich die Frisur das Sympathischste ist) also nicht freiwillig, sondern qua natura mit Glatze gesegnet. Wer im Glashaus sitzt.

Teil Zwo der rothschen Serie ist bereits in Arbeit: "Coverchaos. Zeig mir dein Titelblatt, und ich sag' dir, wie dein Blatt heißt: zum Neid der Besitzlosen."
Bring it on, Jürgen. Ich weiß, du schaffst das. Und uns.

Sonntag, Dezember 03, 2006

Verzweifelte Synchro

Für heute erspare ich mir meinen missionarischen Eifer bezüglich O-Tönen, und bringe gar ein Beispiel für eine adäquate Übersetzung.

Es begab sich in einer späten Folge der ersten Staffel der Desperate Housewives, daß Lynette zu ihrer Nachbarin McCluskey meinte, sie solle in ein Altenheim... "with German staff."

Da dachte ich mir, hören wir (also ich, Pluralis majestatis etc. etc.) uns doch mal die deutsche Synchronisation an... Lynette wünscht die Nachbarin in ein Altenheim "mit deutschem Personal".

So viel schmerzbefreite Selbstironie hätte ich beim besten Willen (vorausgesetzt, es gäbe so ein Tier) nicht erwartet. Oder lag's daran, daß den Übersetzenden kein anderes cliché eingefallen ist, um Lynettes Wunsch ähnlich grausam erscheinen zu lassen?

Samstag, Dezember 02, 2006

Muckefuck ist mein Gemüse

Sehr geehrte Freundinnen und Freunde des guten Geschmacks, liebe Gourmanden,

was waren das früher für Zeiten, als wir das magenbittere Erzeugnis von ausgebeuteten Kaffebäuerinnen und -bauern runterkippen mußten, nur damit anschließend der Kreislauf zunächst in stratosphärische Höhen und dann in infernale Tiefen schnellte. Doch vorbei. Vorbei!, sag ich.

Was heißt hier "früher"? Einige von uns erinnern sich noch lebhaft [sic!] an jenes einschneisige Ereignis, das Kriegsende im Mai 1945, dieser Schnitt durch Zeit und Hirne, als Deutschland nicht nur der Naziherrschaft, sondern gleich auch des Röstkaffees entledigt wurde. Was haben wir gejubelt! Nie wieder braune Bohnen!

Doch dann aber, der fiese Adenauer und der dicke Erhard. Mit übelster Propaganda und finsterster Demagogie setzten diese zwei Herren [sic!] den Bohnenkaffee wieder auf den Frühstücksplan des errettet geglaubten deutschen Volkes. Einhergehend mit der unaufhaltsamen Erstarkung der extremen Rechten wurde der Muckefuck (für Ahnungslose: Getreidekaffee), Nektar der Götzen, an den Rand der Bedeutungslosigkeit gedrängt, wo er seitdem mit der deutschen Restlinken einen Festschmaus veranstaltet. Doch Schluß. Schluß!, sag ich.

Was aber ist eigentlich Getreidekaffee, pardon: Muckefuck? Die Basiszutaten dieses köstlichen Heißgetränks, von abhängenden Zungen als Kaffeesurrogat beschimpft (was, geLINDE gesagt, unhöflichster Schwachsinn ist) sind für gewöhnlich Gerste, Malz und/oder Roggen, angereichert mit Chicorée, Eicheln, oder was sonst noch so im Garten liegt.

Bescheidwissende sortieren den Muckefuck, genau wie den menschenfeindlichen Bohnenkaffee, in "richtig" und "Instant". Im Gegensatz zu den protofaschistischen Bohnen hat sich beim Muckefuck jedoch die Instant-Variante durchgesetzt. Und das ist nicht gut. Schlecht!, sag ich.

Richtiger Muckefuck ist aufzubrühen. Dann schmeckt's auch besser, und die Kaffeemaschine wird vor dem Sperrmüll gerettet.

Ran an das Zeug, lautet das Gebot der Stunde. Ab dafür!